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Post von Jenny – Wie fühlt sich Mutterschaft eigentlich an?

Brief an Dich

Liebe Simi,

vielen Dank für Deinen Brief und die sehr bewegende Frage:

Was bedeutet Mutterschaft für mich?

Nachdem ich mir nun wochenlang Gedanken darüber gemacht habe, und anhand unzähliger Alltagssituationen eine ganze Sammlung von Antworten geben könnte, versuche ich stattdessen, wieder zu einer allgemeineren Beantwortung zu finden.

Mutterschaft ist für mich die Verbindung vieler Extreme.

Indem ich ein Kind zur Welt bringe, spüre ich, dass ein Teil von mir weiterlebt, während ich selbst ein Stück dem Tod entgegen gehe. Einmal weil ich mich in diese Extremsituation begebe und mein Leben für ein anderes riskiere, und einmal weil mir mein eigener Alterungsprozess im Gegensatz zu diesem neuen, engelsgleichen Wesen bewusst wird.

Dieses zauberhafte Wesen erfüllt mich mit Liebe und einem unbeschreiblichen Glücksgefühl, es weckt Kräfte und Enthusiasmus wie nichts anderes, aber es holt mich auch ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurück, fordert mich bis zur Verzweiflung und löst Fluchtgedanken aus.

Man möchte sich ganz und gar hingeben und sehnt sich doch wieder nach mehr Raum für sich selbst.

Es ist das schönste Zeugnis der Liebe zwischen Mann und Frau und stellt deren Beziehung gleichzeitig auf eine überraschend harte Probe.

Muttersein erscheint mir wie die prächtige Blüte des Frauseins, man liebt sich und seinen Körper, der so ein Wunder wollbringen kann, einen diese unglaubliche Kraft der Geburt spüren lässt, die Wärme des Stillens und des Versorgens bieten kann- gleichzeitig kann das Muttersein große Versagensängste auslösen, den Zweifel, ob man zu all dem fähig ist, die Frage, ob man genügend Frau ist, wenn die Geburt, das Stillen oder auch nur das Gefühl dazu nicht mit der vorherigen Vorstellung übereinstimmen. Man fühlt sich ausgesaugt und leer, kraftlos und auf einmal gar nicht mehr fraulich. Muss wieder lernen für sich zu sorgen, seinem Körper Gutes zu tun, ihn zu lieben, auch wenn er nicht mehr prächtig und schön erscheint.

Seinen Kindern möchte man Schutz bieten und gleichzeitig die Freiheit lassen, ihre eigenen Wege zu finden, man möchte sie in ihrem Eigensein bestärken, ihnen aber auch bewusst machen, dass sie als Teil einer Familie oder Gruppe Rücksicht auf andere nehmen müssen.

Man möchte als Mutter ein gutes Vorbild sein, muss sich aber vor der Erwartung hüten, die Kinder würden einem in allem nacheifern. Man möchte kein schlechtes Vorbild sein, darf aber nicht behaupten, man habe keine Schwächen, sondern muss ehrlich mit diesen umgehen.

Geht es Dir auch so, dass Du das Muttersein als die Verbindung scheinbarer Widersprüche erlebst? Und Du Seiten an Dir entdeckst, Dir Dir vorher gänzlich unbekannt waren?

Ich wusste, dass ich viel Liebe zu geben habe und es genießen würde, die Liebe meiner Kinder entgegen zu nehmen. Aber ich wusste nicht, dass ich so aus meiner Haut fahren, dass ich der Gewaltausübung so nahe kommen kann und offenbar nicht grenzenlos empathisch sein kann.

Letztendlich komme ich wieder zu einem Punkt, den ich schon in meinem ersten Brief angesprochen habe. Muttersein ist eine wunderbare Chance lebendig zu bleiben. Die Herausforderungen nehmen kein Ende und man kann nicht alles richtig machen- aber der Antrieb, es zu versuchen, könnte nicht größer sein, darum wächst man automatisch daran. Und das ist wieder ein vermeintlicher Gegensatz: Hinterfrage deine Muster und vertraue auf deine Intuition.

So, liebe Simi, jetzt mache ich schnell Schluss, denn gleich kommen meine Kinder zurück und lassen mir keine Zeit mehr, weitere Gedanken auszuformulieren, sondern lassen nur noch weitere entstehen…

Ganz liebe Grüße, Deine Jenny

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